Future Brands
Words by Paul Wagner
Tagwerk e.V.
Bio von nebenan.

Unterwegs nach Dorfen. Weit draußen im Osten von München. Es ist richtig schön hier. Mit dabei: Prof. Franz-Theo Gottwald, bis Juli 2020 Vorstand der Schweisfurth Stiftung, die sich für eine zukunftsfähige, ökologische Landwirtschaft engagiert. Wir wollen uns mit Michael Rittershofer treffen, dem Geschäftsführer des TAGWERK e.V. und Projektmanager der Ökomodellregion Isental. Wir wollen über eine Reihe von Projekten zu einer nachhaltig-sozialen Landwirtschaft reden, über Kooperationen zwischen Bauern, Städtern, Lebensmittelhandwerkern und Vermarktern. Tagwerk ist ein Paradebeispiel für erfolgreichen, genossenschaftlichen und gemeinwohlorientierten Ökolandbau. Also, nichts wie hin.

PW | Herr Rittershofer, Tagwerk ist bisher nur wenigen Münchnern ein Begriff. Ich vermute mal, selbst diejenigen von uns Städtern, die schon lange ökologisch erzeugte Nahrungsmittel kaufen, kennen Tagwerk noch nicht. Welche Wurzeln hat Tagwerk?

 

Wenn wir heute zurückschauen auf die Jahre seit 1984, als sich die Tagwerk-Genossenschaft in Dorfen gründete, gab es noch kein Netz an Bioläden, kein Bioangebot in den Supermärkten, höchstens den einen oder anderen kleinen Bioladen mit sehr überschaubarem Sortiment. Da musste man sich erstmal durch die selbstgestrickten Schafwollpullover wühlen, um zum Gemüse zu kommen. Auf der anderen Seite gab es aber immer mehr Menschen, die für Umweltthemen und die Fragen einer umweltgerechten Nahrungsmittelerzeugung sensibilisiert waren. Gründe gab’s ja genug. Massive Umweltverschmutzungen, im Münchner Norden den Abwehrkampf gegen den geplanten Großflughafen, und 1986 schockte uns dann alle die Tschernobyl-Katastrophe. Das setzte in der Bevölkerung viel Energie für Veränderungen frei. Tagwerk gründete sich deshalb als Initiative von Konsumenten, die etwas grundsätzlich verändern wollten. Der Gründungsimpuls war der Wunsch nach Einkaufsmöglichkeiten für regional und biologisch erzeugte Lebensmittel. Das war schon ein wenig ad hoc. Jemand sagte: ‚Hey lass uns was gründen’, ein anderer meinte: ‚Tolle Idee, machen wir!’ Und schon ging’s los. Vier Landwirte wurden als Erzeuger ins Boot geholt, Gemüsekisten auf Bierbänke gestellt, private Keller als Depots genutzt und die ersten Tagwerk Öko-Nahrungsmittel auf Märkten verkauft. Tagwerk startete als echte Graswurzelbewegung. Eine, die mittlerweile ordentlich gewachsen ist.

 

FThG | Aber so etwas muss ja dann irgendwann auch organisiert werden?

 

Wir gründeten unseren eigenen Anbauverband …

 

FThG | Tatsächlich? Das finde ich spannend. Mit eigenen Richtlinien für die Bauern, die sich bei Tagwerk zusammenschließen wollten? Mit organisierter Direktvermarkung? Gegen Handel und Großhandel?

 

Genau.

 

FThG | Wow! Sehr ambitioniert.

 

Später kam dann die Kooperation mit Bioland. Wir sind aber auch offen für andere Betriebe. Voraussetzung ist allerdings, dass sie Mitglied in einem der Anbauverbände Bioland, Biokreis, Demeter oder Naturland sind.

 

PW | Wie ging’s dann weiter mit der kleinen Genossenschaft?

 

Als ersten Verkaufsort gab es einen Marktstand in Dorfen. Die ersten Läden – eigentlich eher Depots – gab es in Isen, Erding, Freising und Moosburg, den ersten richtigen Laden dann 1986 in Dorfen. Die Läden in Moosburg und Erding kamen dazu, dann Markt Schwaben, Freising, Landshut, später Gröbenzell, Ottobrunn und Eglharting. Die Verkaufsstellen vergrößerten sich ständig: aus Depots wurden Bioläden, aus den Bioläden Bio-Supermärkte. Immer noch stehen die Pioniere aus der Gründerzeit hinter der Ladentheke, übergeben aber langsam an die Jungen. Das organische Wachstum ist eine schöne Entwicklung. Wachstum wirft per se aber auch grundlegende Fragen auf: Die Strukturen werden anonymer und das ehrenamtliche Engagement sinkt.

 

FThG | Der Münchner Markt, ist der nicht besonders spannend für Tagwerks Werte-Weg und Weiterentwicklung?

 

Spannend schon, aber nicht einfach. Da drängen sich schon viele, auch große, die eben andere Konzepte fahren als wir. Das sind Märkte, die sich bundesweit, auch global beliefern lassen und auf Preisführerschaft setzen.

 

PW | Was ist bei Tagwerk anders?

 

Wir setzen auf Produkte regionaler Erzeuger. Wo Tagwerk draufsteht, sind Produkte drin, die in der Isar-Isen-Region erzeugt wurden, von Bauern und Lebensmittelhandwerkern, die wir sehr gut kennen, denn sie tragen ja die Tagwerk-Genossenschaft mit. Wir sind sozusagen Bio von nebenan, zum Anfassen, zum Mitmachen, zum Vorbeischauen. Das ist die Biogurke bei Aldi oder Lidl eben nicht. Da grenzen wir uns ganz klar ab. Tagwerk ist nicht primär ein Geschäftsmodell, sondern eine gemeinwohlorientierte Verbraucher- und Erzeugergemeinschaft. Münchner Verbraucher, die uns und unser Konzept gut finden, können Tagwerk-Produkte auf einigen Wochenmärkten und jetzt auch bei den Vollcorner Biomärkten bekommen. Die Leute von Vollcorner fanden unser Regional-Konzept gut, sie sind ein interessierter, motivierter Kunde und haben ein echtes Interesse an unserem regionalen Konzept. Deshalb die Kooperation.

 

PW | Bio billig will Tagwerk gar nicht?

 

Wir wollen es nicht und wir könnten es auch nicht. Bio von nebenan, also Waren aus der Region verkaufen, ist wirtschaftlich sinnvoll nicht über einen niedrigen Preis machbar, sondern über Werte. Wenn andere fordern, Bio billiger zu machen, sagen wir: Gutes Bio hat seinen Preis, und so mancher Preis bei uns ist eigentlich noch zu niedrig.

 

FThG | Bemerkt Ihr bei Eurer städtischen Bio-Kundschaft
Interesse am Genossenschaftlichen? Man könnte ja mitmachen bei Tagwerk?

 

Das ist noch zu früh. In München brauchen wir noch ein Weilchen. Aber tatsächlich beschäftigt uns die Frage sehr, wie wir den Menschen die Tagwerk-Philosophie nahebringen können. Genossenschaft, was steckt dahinter? Was ist der Vorteil von regionaler Erzeugung? Was heißt Bio von nebenan? Um solche Fragen überhaupt erst aufkommen zu lassen, müssen wir die Leute neugierig auf uns machen, Öffentlichkeits- und Pressearbeit leisten, Bewusstseinsbildung betreiben, zum Beispiel in Schulen. Das sind unsere Anliegen. Andere sehen ja bei Bio ganz nüchtern nur das Geschäft im Vordergrund. Wir denken da weiter. Gemeinschaftlich Gesellschaft verändern wollen ist sozusagen in unserer DNA. Von Anfang an.

 

FThG | Ihr bietet neben Lebensmitteln auch das Thema Reisen an? Ist noch mehr geplant? Öko-Energieerzeugung?

 

Nein. Aber tatsächlich finden wir den Ansatz gut, Menschen zusätzlich zu den bewährten Hof-Festen und Vorträgen auch auf anderen Ebenen mit Bio in Berührung zu bringen. Die Reisen, die von unserer Firma Ökoservice angeboten werden, sind hier ein spannender Baustein. Ein anderer ist, unsere neue Aufgabe als Projektmanager der Ökomodellregion Isental, ein ganz wichtiges Projekt. Das Land Bayern unterstützt den Tagwerk e.V. hier im Rahmen der BioRegio Bayern 2020-Initiative bei der Finanzierung einer Projektmanagerstelle. Das hilft uns, weitere Landwirte für die Umstellung zur Bio-Produktion zu gewinnen und Hilfestellung zu organisieren. (Anmerkung der Redaktion: Ein Link findet sich am Ende des Textes)

 

FThG | Mir scheint, dass mit der Einrichtung der zwölf Ökomodellregionen vieles im Ökobereich wieder neu gebündelt und strukturell optimiert wird, sodass eine neue Erweiterung in Richtung Verdoppelung der ökologischen Lebensmittelversorgung möglich werden kann. Da seid Ihr von Tagwerk eine Art Netzwerkknotenpunkt für die Region Isental.

 

Stimmt. Über das Ökomodellregionen-Konzept werden erstmals viele Kräfte gebündelt. Dazu gehören bayerische Institutionen wie das Amt für Ländliche Entwicklung, die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, die Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern (LVÖ) und die Fachzentren für Ökolandbau. Wer macht was? Wer ist für was zuständig bei unserem gemeinsamen Ziel, den Ökolandbau zu mehren? Das ist richtig gut.

 

FThG | Was uns als Schweisfurth Stiftung bewegt, ist: Wie bekomme ich Bürgerwillen für das ökologische Anliegen in seiner ganzen Vielfalt mobilisiert? Wenn ich mir anschaue, dass sich bei der Tagwerk eG über 900 Bürger und Bürgerinnen genossenschaftlich organisiert haben und im Tagwerk e.V. über 420, dann muss ich sagen, Ihr seid ein herausragendes und vor allem erfolgreiches Beispiel für einen Bürgerverbund rund um ökologischen Lebensstil und ökologischen Konsum.

 

Es gab tatsächlich einige andere Genossenschaftsprojekte, die scheiterten.

 

FThG | Da würde ich gerne wissen, ob dieser Erfolg strukturelle Gründe hat. Tagwerk besteht zum einen aus der Genossenschaft, die sozusagen wie eine Holding fungiert. Daneben gibt es den Tagwerk-Verein, den Gemüsegroßhandel, den Ökoservice, neuerdings die Tagwerk-Metzgerei. Die nichtgenossenschaftlichen Teile wurden in Einzel-GmbHs ausgelagert. Alles ist so sehr breit aufgestellt. Wie haltet Ihr das alles zusammen?

 

Zum einen ist die Genossenschaft an den einzelnen GmbHs beteiligt. Zum anderen ist unsere gemeinsame Basis natürlich der Ökolandbau. Was uns aber darüber hinaus auszeichnet ist die regionale Struktur und die persönlichen Beziehungen. Es geht bei regional ja nicht nur um die vielzitierten kurzen Wege, sondern um die Menschen, die hinter Tagwerk stehen, das Beziehungsgeflecht zwischen Bauern, Verarbeitern, den Menschen im Handel und natürlich den Verbrauchern. Die Werte-Basis von Tagwerk ist es, diese Gruppen in Kontakt zu bringen und den Kontakt zu pflegen. Ein ganz zentrales Medium ist die Tagwerk-Zeitung, die vom Tagwerk e.V. herausgebracht wird. Sie wird über alle Ökokisten, die Tagwerk-Läden und unsere Handelspartner verteilt und sehr gut angenommen. Unsere Ziele, Ideen, Veranstaltungen wie Hoffeste, Feldbegehungen, Erntedankfeiern machen wir bekannt, und weil wir Bio von nebenan sind, stellen wir jedes Mal eine Person und ihren Betrieb vor. Wir sind natürlich politisch, nehmen kein Blatt vor den Mund und schreiben auch durchaus so, dass wir Gegenwind bekommen. Wir lassen es uns aber nicht nehmen, politisch Stellung zu beziehen, gerade bei Entwicklungen, die unseren Werten total entgegenlaufen.

 

FThG | Tagwerk ist also auch ein politischer Macher, der Bürgerwillen organisiert und Bürgern eine laute Gemeinschaftsstimme verleiht?

 

Ja, sicher. Der Kauf von Lebensmitteln hat immer eine politische Dimension. Wir versuchen aber auch, leichtere Themen zum Öko-Lifestyle hineinzunehmen. Oder auch, intern durchaus kontrovers diskutiert, das Thema Fleischkonsum.

 

PW | Ihr habt ja neuerdings auch eine eigene Biometzgerei.

 

Ja, nachdem wir 30 Jahre lang unser Biofleisch- und Biowurstangebot über gut arbeitende konventionelle Vertragsmetzger mit Bioschiene bekommen haben, haben wir seit Juli 2015 eine eigene 100%ige Biometzgerei. Bauern und Verbraucher haben die Metzgerei in Niederhummel gemeinsam, durch Beteiligungen, möglich gemacht. Bei Tagwerk folgen wir dem Credo der Ganztierverwertung. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der Markt ist sehr fokussiert auf die bekannten Edelteile. Wir bieten übrigens bewusst Fleisch an, denn wir glauben an einen geschlossenen Betriebskreislauf entsprechend dem Kreislauf der Natur. Und hier ist die artgerechte Tierhaltung und Fütterung mit regionalen Futtermitteln ein wichtiger Baustein. Stall, Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung läuft bei der Tagwerk Biometzgerei in allernächster Nähe. Die Tiere müssen keine langen Transporte erdulden, sie können schon einige Tage vor dem Schlachten angeliefert werden, um den Stress zu minimieren. Das Tierwohl steht bei uns an oberster Stelle, außerdem maximale Transparenz bei der Herstellung und natürlich vorbildliche Produktqualität.

 

PW | Herr Rittershofer, vielen Dank für das Gespräch.